Die dritte Spur · Leseprobe

Vorwort

Das vollständige Vorwort des psychologischen Thrillers von FARO MP.

Die dritte Spur Vorwort

Dieses Buch beginnt nicht mit einem Unfall.

Es beginnt mit einem engen Flur, verschwundenen Schuhen, einem Hund, der immer dort steht, wo jeder vorbei muss, und einem Morgen, den damals keiner von uns für erwähnenswert gehalten hätte. Genau deshalb gehört er an den Anfang.

Wenn ein Leben in ein Davor und ein Danach zerfällt, verschluckt das Danach leicht alles, was vorher gewesen ist. Menschen werden zu Diagnosen, Verletzungen und Aktenzeichen. Eine Familie wird zu den Betroffenen. Wir aber waren zuerst einfach eine Familie. Wir waren laut, müde, manchmal ungerecht und häufig zu spät. Das Gewöhnliche erschien uns nicht kostbar, solange wir es noch hatten.

Die erste Erschütterung kam nicht auf einer Straße. Unsere Tochter litt wochenlang unter Schwindel, Übelkeit und Ohnmachten. Es war die Zeit von Corona. Immer wieder wurde getestet, immer wieder gingen wir ohne eine Erklärung nach Hause. Irgendwann konnten wir die Tests nicht mehr zählen. Erst nach einem weiteren Zusammenbruch wurde sie umfassend untersucht. Die Krankheit bekam einen Namen: Leukämie, ALL II. Corona hatte sie nicht verursacht, doch die Pandemie machte den Weg zur Diagnose und die Jahre der Behandlung einsamer und schwerer.

Nach der Behandlung wollten wir Normalität zurück. Eine Urlaubsreise sollte ein Anfang sein. Nach ungefähr fünfundvierzig Minuten war sie vorbei. Starkregen, Dunkelheit, höchstens zwanzig Meter Sicht und ein entgegenkommendes Fahrzeug teilten unser Leben erneut. Später wurden daraus klare Begriffe: Fahrtrichtung, Kollisionspunkt, Verletzungsbild, Haftung. Nötige Wörter, die trotzdem nicht erzählen können, wie sich diese Nacht im Körper festsetzt.

Dort beginnt die eigentliche dritte Spur. Sie liegt zwischen dem, was geschehen ist, dem, woran ein traumatisierter Mensch sich erinnert, und dem, was andere später darüber festhalten oder bestreiten. In diesem Zwischenraum kann eine fehlende Aufnahme wichtiger werden als hundert vorhandene. Ein Widerspruch in einer Akte wird zur Bedrohung. Trauma lässt Lücken nicht leer; es füllt sie mit Fragen. Vollständiges Wissen, so die Hoffnung, müsste irgendwann auch die Schuld beenden.

„Die dritte Spur“ ist ein Roman. Seine emotionale Grundlage ist erlebt. Abläufe wurden erzählerisch verdichtet, einzelne Umstände verändert und Menschen nicht mit ihren Namen genannt. Das geschieht nicht, um das Erlebte größer zu machen. Es war groß genug. Dieses Buch ist kein Gutachten, keine Anklageschrift und keine Heldengeschichte. Es erzählt von einem Menschen, der gehandelt hat und sich dennoch fragt, warum es nicht genug war. Schuld kann leichter zu ertragen sein als Ohnmacht, weil sie wenigstens behauptet, man hätte alles kontrollieren können.

Meine Frau, unsere Kinder und ich erinnern uns unterschiedlich an dieselbe Nacht. Dieses Buch spricht nicht für sie alle. Es erzählt meine Nähe zu jener Nacht. Es ist für meine Familie: als ehrlicher Blick auf das, was geblieben ist und womit wir weiterleben.