Die Mauern, die uns nicht retteten

Leseprobe

Ruhig, direkt und persönlich. Kein lautes Versprechen. Keine perfekte Lösung. Sondern ein ehrlicher Anfang.

Vorwort Warum ich dieses Buch schreibe

Ich schreibe dieses Buch nicht, weil ich fertig bin.

Ich schreibe es, weil ich angefangen habe, mir selbst nicht mehr auszuweichen.

Das ist vielleicht der ehrlichste Satz, mit dem ich beginnen kann. Alles andere wäre zu sauber. Zu sehr nach einem Menschen, der am Ende seines Weges steht und nun ruhig erklären kann, was alles gewesen ist. So ist es nicht. Ich stehe nicht am Ende. Manche Dinge sind noch offen. Manche Wunden sprechen noch. Manche Fragen haben keine Antwort. Und trotzdem schreibe ich.

Vielleicht gerade deshalb.

Lange dachte ich, man müsse erst Ordnung haben, bevor man sprechen darf. Erst Klarheit. Erst Abstand. Erst Heilung. Aber wenn man wartet, bis alles abgeschlossen ist, beginnt man vielleicht nie.

Ich habe lange funktioniert.

Als Kind. Als junger Mensch. Als Mann. Als Vater. Als Partner. Als Mensch in Krisen, in denen niemand gefragt hat, ob noch Kraft übrig ist. Man macht weiter, weil man muss.

Also macht man weiter.

Und am Anfang nennt man das Stärke.

Vielleicht ist es das manchmal auch. Durchhalten kann Leben retten. Funktionieren kann eine Familie tragen, wenn gerade niemand anderes tragen kann. Aber wenn man zu lange nur funktioniert, verliert man irgendwann den Kontakt zu dem Menschen, der da funktioniert.

Dieses Buch ist mein Versuch, mich zurückzuholen.

Nicht als fertige Lebensgeschichte. Nicht als Anleitung. Nicht als Buch eines Menschen, der alles überwunden hat und nun anderen erklärt, wie Heilung funktioniert. So ein Mensch bin ich nicht.

Ich will meinen Kindern nicht meine Angst vererben. Nicht die alte Angst aus meiner Kindheit. Nicht die Angst, nicht zu reichen. Nicht den Glauben, dass Stärke bedeutet, keine Hilfe zu brauchen. Aber auch nicht die neue Angst aus Krankheit, Unfall, Schmerz, Verfahren und offenem Warten.

Vielleicht ist das einer der tiefsten Gründe, warum ich schreibe.

Ich will nicht, dass mein Schmerz der heimliche Erzieher meiner Kinder wird.

Dieser Satz tut weh. Aber er ist wahr. Und wenn dieses Buch ehrlich sein soll, muss es auch dort ehrlich sein, wo Ehrlichkeit nicht nur andere betrifft.

Das ist der Preis der Ehrlichkeit.

Sie entlastet nicht nur. Sie stellt einen auch.

Ich schreibe über Mauern, weil ich Mauern kenne. Nicht nur die aus Stein. Die inneren. Die aus Schweigen. Aus Wut. Aus Arbeit. Aus Kontrolle. Aus diesem alten Satz: Ich komme allein klar. Vielleicht haben mich manche dieser Mauern einmal geschützt. Aber nicht alles, was einen einmal rettet, darf später das Leben regieren.

Vielleicht geht es in diesem Buch genau darum. Um die Mauern, die Menschen bauen, weil sie Angst haben. Und um den Moment, in dem sie begreifen, dass sie nicht für immer hinter ihnen leben können.

Ich weiß nicht, ob ich schon draußen bin.

Wahrscheinlich nicht.

Vielleicht stehe ich erst am Tor.

Aber ich sehe es jetzt.

Und vielleicht beginnt Freiheit genau dort: nicht mit einer fertigen Antwort, sondern mit einer ehrlicheren Sprache.